Politische Union ohne Europäische Union
Peter Bofinger, Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin haben in der FAZ vom Wochenende auf Bitten von Sigmar Gabriel ihre Vision für einen europäischen Strategiewechsel zur Lösung der Eurokrise dargestellt.
Der Text besticht nicht durch Verständlichkeit oder Präzision. Darauf sind andere Blogger bereits eingegangen.
Drei Punkte sprechen jedoch für den Artikel, um den Sigmar Gabriel persönlich gebeten hat.
1. Die Autoren machen klar, dass es nur die Alternative zwischen einer von ihren Geburtsfehlern befreiten Eurozone und dem Ende des Euros gibt.
Dagegen steht Angela Merkels Politik, die entlang dem vermeintlichen deutschen Wählerwillen versucht, die Illusion aufrecht zu halten, dass man den Euro scheibchenweise retten könnte mit unerheblichen Kosten und ohne institutionelle Veränderungen. Diese Politik droht in hohen Kosten aber ohne Euro zu enden. Operation gelungen, Patient tot.
Einige Abgeordnete der FDP argumentieren prinzipiell und sind gegen jegliche Haftung der Allgemeinheit für Staats- oder Bankschulden. Sie halten die Illusion aufrecht, dass der Euro vielleicht zu retten sei, wenn alle sich nur an strenge Regeln hielten, und nur genug Länder aus der Eurozone ausschieden. Ohne gemeinsame Institutionen wäre aber auch eine noch so kleine Währungsunion auf Dauer nicht tragfähig.
2. Die Autoren haben eine gute Analyse der Eurokrise und einen guten Kompromissvorschlag zu seiner Lösung.
Der von den deutschen Wirtschaftsweisen entworfene beschränkte Tilgungsfonds würde es allen europäischen Staaten erlauben die Schulden bis zur Maastrichtgrenze von 60% ihres Bruttosozialprodukts als gemeinsame Schulden zu refinanzieren. Gleichzeitig müssen Schuldnerländer bereits die nötigen Reformen ihrer Staatsfinanzen durchführen, sonst würde der Zugang zum Tilgungsfonds sofort gestoppt. Schulden über 60% des Bruttosozialprodukts müssen weiterhin auf dem Kapitalmarkt aufgenommen werden. Außerdem bestimmen die Schuldnerländer eine dezidierten Teil ihrer Steuereinnahmen für die Rückzahlung der gemeinsamen Schulden. Die gesamte Laufzeit des Fonds könnte zeitlich begrenzt werden.
Damit bietet er den Schuldnerländern kurzfristig Sicherheit und einen klaren langfristigen Reformdruck bei gleichzeitiger Absicherung der Geberländer.
Wer die Schaffung eines solchen Fonds mit dem Argument ablehnt, dass das Vertrauen in die Fähigkeit der europäischen Politiker zerstört sei, muss sich umgekehrt fragen, ob er mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Politik hat, den Euro planmäßig und kontrolliert abzuwickeln. Selbst wenn jetzt schmerzhaft bewusst ist, dass man auf die Einführung des Euro vielleicht hätte verzichten sollen, folgt daraus nicht, dass seine Abschaffung jetzt die beste Lösung ist.
Leider formulieren die Autoren selbst kaum positive Argumente für den Euro. Vor allem beschwören sie das Schreckgespenst spekulativer Attacken auf die nationalen Währungen, wie es sie vor Einführung des Euros auch gab. Vielleicht scheut die SPD davor zurück, zu betonen, dass erst eine gemeinsame Währung den europäischen Binnenmarkt vervollständigt hat. Vor allem — aber nicht ausschließlich — den gemeinsamen Markt für Kapitalanlagen und Finanzdienstleistungen.
3. Die Autoren fordern einen Verfassungskonvent um zu klären, wo Deutschlands Zukunft in Europa liegt.
Würde sich die SPD diese Forderung am Ende tatsächlich zu eigen machen, wäre ich beeindruckt. Es ist klar geworden, dass Europa nicht enger zusammenwachsen wird, wenn es weiterhin ausschließlich ein politisches Elitenprojekt bleibt.
Vielleicht sind die Deutschen heute weniger als früher bereit, ihre Zukunft ausschließlich als Teil eines geeinten Europas zu sehen. Das ist ein Verdienst des friedlich geeinten Europas von dem Deutschland heute ein selbstverständlicher Teil ist. Vielleicht hat der europäische Frieden Europa selbst die Voraussetzung genommen, stärker zusammenzuwachsen. Darin läge eine gewisse Ironie. Frühere Nationen wurden in blutigen Kriegen geformt. Indem Europa Kriege unmöglich gemacht hat, haben wir vielleicht auch ein geeintes Europa unmöglich gemacht.
Europa braucht neue Ziele und es braucht eine neue politische Struktur. Beides muss eine Antwort auf die Probleme der Bürger sein. Deshalb mache ich einen noch weitergehenden Vorschlag als die Autoren. Nicht nur sollten die Europäer selbst von nun an über jeden Schritt der politischen Einigung entscheiden, sondern wir sollten die politische Union von der EU abkoppeln, damit die schwierige und nicht absehbare Einigung nicht das Erreichte gefährdet. Damit würde die EU vielleicht nur eine Zollunion, eine Handelsunion, mit freiem Arbeitsmarkt, Kapital- und Güterverkehr, gemeinsamem Patentrecht und effizienter Verwaltung des grenzüberschreitendem Handel, aber sie wäre auch ein absoluter Erfolg, selbst für Großbritannien und vielleicht sogar die Schweiz.