August 14, 2012
Spekulation um die Spekulation mit Nahrungsmitteln

Letzte Woche meldete Spiegel Online, die Commerzbank ziehe sich wörtlich “aus der Zockerei” mit Nahrungsmitteln zurück. Daraufhin erinnerte Zettels Blog an die wichtige Funktion, der angeblichen Zocker, die dem keine Randnotiz wert ist.

Kurz gesagt: Die sogenannte Zockerei mit Nahrungsmitteln diente und dient immernoch der Absicherung von Lieferanten und Großverbrauchern gegen Preisschwankungen. Bauern können für eine Lieferung von Getreide im nächsten Jahr bereits jetzt einen Preis vereinbaren und sind damit gegen sinkende Preise abgesichert. Umgekehrt sichert sich die verarbeitende Nahrungsmittelindustrie so gegen steigende Preise ab. Beide kaufen einen sogenannten Futurekontrakt. Damit nicht jeder Bauer eine passende Frau finden muss, ist ein gewisser Anteil von “reinen Spekulanten” in diesem Markt unerlässlich. Diese Spekulanten sorgen erst dafür, dass jeder Bauer einen Wettpartner findet. Diese Wettpartner kommen immer in Pärchen, für jeden, der auf steigende Preise spekuliert, muss es jemanden geben, der auf fallende Preise setzt.

Soweit herrscht eigentlich Einigkeit, wenn man auch bei foodwatch und Co ziemlich lange blättern muss, bis erwähnt wird, dass gar nicht die Spekulation selbst das Problem ist. Erwähnt wird vor allem, dass in den letzten Jahren mehr und mehr Investmentfonds in den Handel mit Futures auf Nahrungsmittel eingestiegen sind. Dieser Handel mit Nahrungsmittelfutures wird dann für den Preisschub im Markt für Nahrungsmittel 2008 und 2011 verantwortlich gemacht. Eine Schwalbe macht natürlich noch keinen Sommer. Nur weil gleichzeitig die Preise stiegen und vermehrt Anleger mit Nahrungsmittelfutures handelten, kann man noch lange nicht schlussfolgern, was hier Ursache und was Wirkung ist.

Spekulation und Hortung

Kann denn Spekulation Nahrungsmittel verteuern? Natürlich kann sie das und Nobelpreisträger Paul Krugman, der nicht als blind marktgläubiger Ökonom bekannt ist, schreibt dazu auf seinem Blog:

“Wie kann Spekulation die Preisfindung über Angebot und Nachfrage beeinflussen? Die Anwort lautet: Durch Hortung, durch physische Hortung von Lebensmitteln. Wenn hohe Preise für Nahrungsmittel-Futures zu verstärkter Hortung führt und dadurch die den Konsumenten zur Verfügung stehende Menge an Nahrungsmitteln sinkt, können die Preise steigen. Man kann in der Tat argumentieren dass genau das in den Märkten für Baumwolle und Kupfer passiert, in denen es große und wachsende Vorräte gibt. Aber im Nahrungsmittelmarkt passiert das einfach nicht. Die Vorräte sind gering und sie fallen.”

Das Gesetz von Angebot, Nachfrage und Vorräten

Die Preise für Nahrungsmittel bilden sich nicht nur jedes Jahr aufgrund der Größe der Ernte und dem Hunger der Verbraucher sondern auch aufgrund der Vorräte aus dem letzten Jahr. Da Nahrungsmittel für den Menschen so essentiell sind, ist unsere Nachfrage relativ unabhängig von der Höhe des Preises. Wir müssen eine relativ feste Menge essen. In den reichen Ländern ist der Preis für Grundnahrungsmittel im Verhältnis zum Einkommen so gering, dass wir im Prinzip fast jeden Preis zahlen können. In den ärmeren Ländern wird auf Nahrungsmittel als letztes verzichtet. Man sagt auch, die Nachfrage nach Nahrungsmitteln ist sehr inelastisch. Auf der anderen Seite jedes Jahr steht nur eine bestimmte geerntete Menge zur Verfügung. Zusätzlich gibt es eventuell Vorräte aus dem letzten Jahr. Das Angebot ist also kurzfristig konstant und völlig unelastisch. Es ergibt sich folgendes Diagramm von Angebot und Nachfrage:

Angebot und Nachfrage für Nahrungsmittel

Der Marktpreis bildet sich an dem Punkt wo Angebot gleich Nachfrage ist. Fallen die Preise stark, steigt die Nachfrage an, weil die Vorratshaltung attraktiv wird. Da die Nachfrage prinzipiell inelastisch ist, hat eine relativ kleine Verringerung des Angebots einen überproportional hohen Einfluss auf die Höhe des Preises wie die beiden gestrichelten Linien zeigen. Die rote gestrichelte Linie ist das niedrigere Angebot, die graue gestrichelte Linie den überproportional gestiegenen neuen Marktpreis.

Das heißt der Markt für Nahrungsmittel sollte von selbst starke Preisspitzen bilden in Jahren mit geringen Vorräten und einer schlechteren Ernte. Wie haben sich die Preise für Nahrungsmitteln in den letzten Jahrzehnten verhalten, in denen es einen geringeren Anteil an Spekulanten am Markt gab? Berücksichtigt man die Inflation, ergibt sich laut eines Artikels von Brain Wright der Universität Berkeley folgendes Bild seit 1950:

Weizenpreis, inflationsbereinigt seit 1950

Wright schreibt: “Die fallenden Getreidepreise sind größtenteils der Verdienst der erstaunlich erfolgreichen Pflanzenzüchter und Landwirte, die permanent neue und ertragsstärkere Pflanzensorten mit züchteten und anbauten, sowie der günstigen und reichhaltigen Versorgung der Landwirte mit den sonstigen nötigen Produktionsmitteln. Diese Erfolge haben, zur Überraschung vieler Prognostiker, bis heute die Malthusschen Herausforderungen einer immer dichter bevölkerten Welt mit endlichen Resourcen bewältigt.”

Betrachtet man den Verlauf der Getreidepreise über die letzten Dekaden, anstatt nur seit dem Jahr 2000, dem historischen Tiefpunkt, scheint der Anstieg in den letzten Jahren nicht mehr so außergewöhnlich.

Beeinflusst eine Pferdewette den Ausgang des Rennens?

Die Gegner der Spekulation haben eine schwierige Argumentation zu führen: In einem Markt, der von sich aus Preisspitzen zeigt, und der eine gewisse Menge von Spekulanten braucht, sind zu viele Spekulanten plötzlich für höhere Preisspitzen verantwortlich. Dem Foodwatch-Report “Die Hungermacher” der letztes Jahr in der Presse viel zitiert wurde, gelingt diese Argumentation leider nicht überzeugend. Im Gegenteil versucht der Report so viele verschiedene Argumente zu machen, dass diese sich am Ende widersprechen. Foodwatch zeigt oft die unbestrittenen und irrelevanten Korrelationen zwischen dem Getreidepreis und der Summe der gehandelten Nahrungsmittelzertifikate und rundet das ab mit dem “ad hominem” Vorwurf an die Investmentfonds, diese verfolgten im Markt die “falschen Intentionen”. Als kämen die Intentionen der Akteure im obigen Diagramm von Angebot und Nachfrage vor.

Die Investmentfonds handeln mit Futures auf Getreidelieferungen in der Zukunft. Sie schließen eine Wette ab, auf den Getreidepreis in einem Monat, in drei Monaten oder in einem Jahr. Die Investmentfonds kaufen nach Ablauf dieses Zeitraums nie das Getreide, dass sie eigentlich bestellt haben, sondern sie verkaufen den Kontrakt rechtzeitig und schließen eine neue Wette ab. Es gibt also zwei getrennte Märkte, den auf Preiswetten und den echten physischen Getreidemarkt. Wenn die Spekulanten nicht physisch horten, muss der Foodwatch Report zwingend darlegen, wie die Wette den echten Marktpreis von Getreide beeinflussen kann.

Wenn aufgrund der hohen Anzahl an Spekulanten die Preise zukünftigen Getreides steigen - und selbst dass scheint mir gar nicht so zwingend zu sein, wie Foodwatch behauptet - könnten Produzenten zur Vorratshaltung motiviert werden. Die aktuellen Preise blieben also hoch, aber die Produzenten würden eine Knappheit im nächsten Jahr antizipieren. Träte im nächsten Jahr eine schlechte Ernte ein, hätte die Vorratshaltung insgesamt eine Hungerkatastrophe verhindert. Ist die Ernte gut sollte es ein Überangebot und deshalb ungewöhnlich niedrige Preise geben oder weiterhin volle Vorratslager, in denen die Überschüsse konserviert werden können. Die vollen Vorratslager sollten sich allerdings empirisch beobachten lassen.

Foodwatch zitiert deshalb Getreidehändler, die sagen, sie würden natürlich bei jedem Angebot den aktuellen Futurepreis zur Grundlage machen. Und zwar den Futurepreis für eine Lieferung im nächsten Monat. Je länger im Voraus Nahrungsmittel gehandelt werden, desto größer ist die Unsicherheit und desto natürlicher sind hohe Schwankungen im Preis. Einen Monat vor der Lieferung sollten Ernte und Nachfrage gut abschätzbar sein und der Preis der Futures langsam gegen den echten Marktpreis konvergieren. Insbesondere sollten die Investoren, die keine physische Getreidelieferung in Empfang nehmen wollen, zu diesem Zeitpunkt aus den Kontrakten ausgestiegen sein.

Schließlich widerspricht sich der Foodwatch Report selbst, wenn er behauptet, nicht ein Euro mit dem auf Nahrungsmittelpreise spekuliert würde, käme produktiven Investitionen oder der Herstellung von Nahrungsmitteln zu gute. Wenn doch die Futurekontrakte die Landwirte zur Lagerhaltung motivieren können, wie können sie dann nicht zur Ausweitung der Nahrungsmittelproduktion motivieren? Wie können sie nicht wenigstens zu höheren Einkommen der Bauern führen?

Es ist deshalb nicht überraschend, dass Foodwatch schließlich die Beweislastumkehr fordert:

“Die Finanzmanager von Börsen und Investmentbanken, die ihre Umsätze und Gebühreneinnahmen mithilfe der Rohstoffmärkte maximieren und damit potenziell Menschen in den Hunger, ja in den Tod treiben, müssen beweisen, dass ihre Geschäfte keinen Schaden anrichten.”

Daten sind wie Wurst, keiner will wissen, was drin ist

Ich komme schließlich noch einmal auf den Artikel von Brian Wright “The Economics of Grain Price Volatility” zurück. Wrights Analyse unterscheidet sich in zwei Aspekten wohltuend vom Foodwatch Report. Zum einen ist er bereit, die Validität der Daten, die seine eigene These stützen, genauso gründlich zu hinterfragen, und zum anderen analysiert er tatsächlich präzise kausale Zusammenhänge.

Seine erste Anmerkung zum Preisanstieg 2008: Es hätte auch viel schlimmer kommen können. Heutige Konsumenten hätten selbst in armen Ländern deutlich höhere Einkommen als in den 70ern und die damalgie Nahrungsmittelkrise wurde von relativ kleinen Ernteverlusten hervorgerufen, die eine kleine Pilzepidemie heute weit übertreffen könnte.

Zweitens stellt der die Bedeutung protektionistischer Produzentenländer heraus. Die Vorratshaltung hätte z.B. in Indien stark zugenommen aber ab Oktober 2007 verbot Indien den Export von Reis um seine einheimischen Konsumenten zu schützen.

Drittens seien wie schon Krugman behauptete, die internationalen Vorräte seit einigen Jahren konstant niedrig, wenn man die chinesischen Vorräte außer Acht lässt, da China nicht auf dem Weltmarkt handelt:

Internationale Weizen, Reis und Maisvorräte

Dieser Graph der internationalen Vorräte spiegelt laut Wright exakt die Preisspitzen der Jahre 1973/4, 1983/4, 1996 und 2007/8 wider. Die niedrigen Vorräte 2003 seien ausnahmsweise durch chinesische Exporte ausgeglichen worden.

Schließlich zeigt Wright wie stark und vor allem wie plötzlich die Produktion von Biosprit aus Mais in den Jahren seit 2006 angestiegen ist. Laut Wright hätten andere Autoren den Einfluss der Biospritproduktion unterschätzt. Zum einen hätten sie den Anteil an der weltweiten Maisernte unterschätzt und zum anderen hätten sie nicht den starken Einfluss eines kleinen Angebotsschocks auf den Getreidepreis aufgrund der inelastischen Nachfrage bedacht. Die für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung stehende Maisernte stagniere deshalb auf dem Niveau des Jahres 2000:

Maisproduktion für Nahrungsmittel vs gesamte Ernte

Schlussfolgerung

Es ist nicht leicht zu beurteilen, ob die Investition von Kapitalanlegern in Nahrungsmittelfutures insgesamt einen Nutzen erbringt und wie groß eventuelle Nachteile sind. Es ist aber auch nicht leicht, das Gegenteil zu beweisen. Vielleicht funktionieren die Futuresmärkte für Bauern und Verarbeiter nicht mehr und deren Beschwerde allein könnte Grund genug sein, die Investitionen in Nahrungsmittel wieder zu beschränken. Dazu muss und sollte man aber nicht die Spekulation selbst verunglimpfen. Vielleicht treiben die Investoren die Preise überhaupt nicht sondern suchen nur ein Gut, dessen Preis völlig unabhängig ist von den Aufs und Abs der Wirtschaft. Essen müssen die Menschen immer und die Investoren sind mit 0% Rendite nach Abzug der Bankgebühren schon zufrieden. 0 ist immernoch mehr als -20. Klar scheint aber, dass die vermehrte Investition in Nahrungsmittelfutures nicht plötzlich die Relevanz fundamentaler Zusammenhänge vermindert hat.

  1. theophils posted this
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